Christusmord
Platons Höhlengleichnis Teil 1
Platons Höhlengleichnis Teil 2
"Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein." Johann Wolfgang von Goethe
Botschaft von Wilhelm Reich (1897-1957) aus seinem Buch, Christusmord, die emotionale Pest des Menschen
»Es IST aber möglich, aus der Falle herauszukommen. Um jedoch aus einem Gefängnis ausbrechen zu können, muss man erst einmal zugeben, dass man in einem Gefängnis sitzt. Die Falle ist die emotionale Struktur des Menschen, seine Charakterstruktur. Es hat wenig Sinn, Denksysteme über das Wesen der Falle zu entwerfen, wenn das Einzige, was man zu tun hätte, um aus der Falle herauszukommen, darin besteht, daß man die Falle erkennt und ihren Ausgang findet. Allererste Aufgabe ist es, den Ausgang aus der Falle zu finden. Wie die Falle beschaffen ist, interessiert überhaupt nicht, abgesehen von dieser einen entscheidenden Frage: WO IST DER AUSGANG AUS DER FALLE?
Man kann eine Falle ausschmücken, um das Leben darin angenehmer zu gestalten. Das haben Michelangelo, Shakespeare und Goethe getan. Man kann sich irgendwelche Hilfsmittel ausdenken, um das Leben in der Falle zu verlängern. Das haben die großen Naturwissenschaftler und Ärzte getan. Man kann auch eine große Kunstfertigkeit im Heilen von gebrochenen Knochen entwickeln, für die, die in die Falle stürzen. Doch der entscheidende Punkt ist und bleibt: den Ausgang aus der Falle zu finden. WO IST DAS TOR ZUM UNENDLICHEN RAUM? Das ist das größte aller Rätsel überhaupt. Das ebenso Lächerliche wie Tragische daran ist: DER AUSGANG IST FÜR DIEJENIGEN, DIE IN DER FALLE SITZEN, DEUTLICH SICHTBAR. ABER NIEMAND SCHEINT IHN ZU SEHEN. JEDER WEISS, WO DER AUSGANG IST. ABER NIEMAND SCHEINT AUCH NUR EINEN SCHRITT AUF IHN HIN ZU TUN. MEHR NOCH: WER IMMER SICH DEM AUSGANG NÄHERT ODER DARAUF ZEIGT, DER WIRD FÜR VERRÜCKT ODER KRIMINELL ERKLÄRT (...).
Es stellt sich heraus, daß das Problem nicht die Falle ist oder die Schwierigkeit, den Ausgang daraus zu finden. Das Problem liegt BEI DENEN, DIE IN DER FALLE SITZEN, IN DEN GEFANGENEN SELBST. Warum nehmen sie den deutlich sichtbaren Ausgang nicht wahr und bewegen sich darauf zu? Sobald sie dem Ausgang nahekommen, ergreifen sie schreiend die Flucht davor. Wenn einer unter ihnen versucht, hinauszugelangen, so töten sie ihn. Und doch bleibt es für die in der Falle Gefangenen das größte und unfassbarste Rätsel überhaupt. Das eigentliche Problem der Menschheit liegt darin, daß sie stets DEM WESENTLICHEN AUSWEICHT. Dieses Ausweichen, die ausweichende Grundhaltung, gehört zur Tiefenstruktur des Menschen. Auf diese Struktur ist es zurückzuführen, wenn der Mensch vor dem Ausgang aus der Falle davonläuft. Er wehrt sich mit entschlossener Härte gegen jeden Versuch, den Ausgang zu finden. Das ist das große Rätsel.
Die Schlüssel zum Ausgang sind in unserem eigenen Charakterpanzer, in der mechanischen Erstarrung unseres Körpers und unserer Seele, einzementiert. Das ist die große Tragödie. Und Christus hat dies erkannt. Wer zu lange im dunklen Keller gelebt hat, wird den Sonnenschein hassen. Und vielleicht können seine Augen gar kein Licht mehr ertragen. Daher rührt dann der Haß auf den Sonnenschein. Damit sich ihre Nachkommen an das Leben in der Falle gewöhnen, entwickeln die Lebewesen, die in ihr gefangen sind, ausgeklügelte Methoden, um das Leben in einem strikt eingeschränkten Rahmen zu halten. In der Falle ist nicht genug Raum für weit ausholende Gedanken oder Handlungen. Jede Bewegung ist nach allen Seiten hin begrenzt. Den Geschöpfen im Innern der Falle ist jegliches Gefühl für ein erfülltes Leben verloren gegangen. Und dennoch ist ihnen die tiefe Sehnsucht nach dem Glück geblieben, die Erinnerung an ein lange vergangenes glückliches Leben, bevor sie in die Falle gerieten.
Der gesellschaftliche Überbau aus Ökonomie, Kriegführung, irrationalen politischen Bewegungen und gesellschaftlichen Institutionen, die der Unterdrückung des Lebens dienen, überschwemmt die fundamentale Tragödie, unter der das Menschentier leidet, mit einer Flut von Rationalisierungen, Vertuschungsversuchen und Manövern, um vom eigentlichen Problem abzulenken; und er kann sich dabei auch noch auf eine vollkommen logische und in sich stimmige Rationalität verlassen. Wie kann jemals »guter Wille unter den Menschen« und »Friede auf Erden« entstehen, wenn es so ist? Die Antwort lautet: Lernt zu erkennen, was das Leben ist und wie es funktioniert. Lernt endlich, für das Leben so zu kämpfen, wie ihr es bis jetzt nur für Kaiser, Fürsten und Führer, für Ideen, für die Ehre, für Reichtümer und für vergängliche Vater- und Mutterländer getan habt. Fangt endlich an, für das Leben zu kämpfen!«